- 09.04.2019 09:17

Festkommers 125 Jahre Turngau Wetterau Vogelsberg

Festrede von Katja Reutzel

125 Jahre Turngau Wetterau-Vogelsberg!

 

Wahnsinn… großartig…so alt und doch aktiv und präsent wie am ersten Tag!

Das muss natürlich gefeiert werden.

Deshalb: Guten Abend und Herzlich Willkommen hier in Berstadt zur akademischen Feier des Turngaus Wetterau-Vogelsberg.

Wir feiern Geburtstag, einen großen, den 125sten.

Und wie es sich heutzutage für einen großen Geburtstag gehört, muss nicht nur gefeiert werden, sondern es muss natürlich auch etwas geboten werden (den Geburtstagsgästen, der Familie, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft und all denen, die Geschenke mitbringen und zum Essen bleiben….)

 

Das ist bei uns genau wie bei manchem Familiengeburtstag.

Meistens feiert man ja mehr als einmal, weil jedes Mal eine andere Zielgruppe und eine andere Art der Feier im Vordergrund steht.

So ist das auch bei uns.

 

Der Anfang wurde mit dem Gauturntag gemacht, der nur 5 Tage nach dem tatsächlichen Geburtstag (sprich Gründungstag am 4. März 1894) stattfand.

Das besondere hier war das erste Geschenk, das präsentiert wurde.

Unser Festbuch!

Geballte Geschichte großartig gestaltet!

 

Heute findet nun die Fortsetzung der Feierlichkeiten statt, quasi die offizielle Veranstaltung mit offizieller Einladung und offiziellen Gästen und offizieller Geburtstagsrede…. Alles ziemlich offiziell.

Aber keine Angst, offiziell heißt nicht zwingend „formell“ oder „langweilig“.

Uns ist ja schließlich wichtig, dass ihr euch auf unserem Geburtstag wohlfühlt (und wir natürlich auch).

Und da das Geburtstagskind ja meist eine kleine Rede hält, werde ich das stellvertretend hier nun tun für alle, die „Turngau Wetterau-Vogelsberg“ sind und Geburtstag haben (oder wie wir 125 Jahre alt werden ;-)

 

Bei der Vorstellung des Festbuches am 9. März bin ich bereits schon auf unsere bewegte und bewegende Vergangenheit der ersten 100 Jahre eingegangen.

Was ich aber etwas vernachlässigt habe, waren die letzten 25 Jahre und ein Blick nach Vorne.

Das habe ich mir für heute aufgehoben.

Diejenigen, die nicht am Gauturntag anwesend waren, und jetzt unsicher sind, ob sie der Fortsetzung meiner Erzählungen folgen können…. Ich kann euch beruhigen… beide Vorträge sind unabhängig voneinander und hoffentlich leicht und logisch zu verstehen.

 

Der Turngau Wetterau-Vogelsberg….. wer oder was ist das eigentlich?

Ist das die geographische Region Wetterau mit einem Schuss Vogelsberg drin?

Oder sind das die Männer und Frauen des Vorstandes?

Der Zusammenschluss der Turnvereine zu einer Dachorganisation, um organisiert Wettkämpfe zu betreiben?

Oder ist der Turngau ein Synonym für alle, die sich dem Turnen verbunden fühlen und in einer organisierten Gemeinschaft dieses Turnen in seiner ganzen Vielfalt entwickeln und leben wollen? …und von denen hier ein Teil sitzt.

Ich denke, alles davon stimmt.

Und ich kann mir vorstellen, dass es während der letzten 125 Jahre im Großen und Ganzen nie anders war.

Und wenn ihr auf die Leinwand hinter mir schaut, seht Ihr Fotos, die im Laufe dieser langen Zeit gemacht wurden und die unsere Geschichte zeigen.

Doch nicht nur Geschichte, sondern auch das, was das Turnen und die Turnbewegung … und somit auch uns Turner so besonders macht.

Vielleicht war ja der eine oder die andere sogar selbst mit dabei.

 

Uli erwähnt in seiner Begrüßungsrede die letzte Strophe des Turnerliedes.

Die Schlusszeile „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“ möchte ich hier für meine Rede gerne als Ankerpunkt nehmen, der auch mit der ersten Zeile „Turner auf zum Streite“ Hand in Hand geht.

Was hat jetzt dieser Text von 1841 mit der heutigen Zeit zu tun, und warum ist er heute aktueller denn je….?

Die Zeiten haben sich doch geändert, oder?

Ja, und das Verständnis dieser Zeilen hat sich mit geändert.

Früher, zu Zeiten Friedrich Ludwig Jahns standen diese Zeilen für Stolz, für Kampfeswillen, für Unabhängigkeit und für Kameradschaft.

Die ursprüngliche Intention des Turnens im Verständnis von Jahn war die geistige und körperliche Formung einer Nation zur Vorbereitung der Befreiungskriege und der Kampf gegen die Besetzung Napoleons.

Natürlich sind aber auch mit „Turner auf zum Streite“ die Vergleiche und Wettkämpfe untereinander gemeint, die in freundschaftlicher Verbundenheit bzw. „Brüderlichkeit“ ausgetragen wurden.

Das Große Werk, das nur durch Zusammenhalt gedeiht hat sich von Kriegsvorbereitung über Kameradschaft in eine Bewegung entwickelt, in der sich in der Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft ein turnerischer Geist herausgebildet hat, der über eine reinen sportlichen Wettkampf hinaus geht.

Damit war damals schon klar, was heute noch gilt….

Turnen ist eine Lebenseinstellung!

…und wer einmal ein Deutsches Turnfest oder ein Landesturnfest miterlebt hat und Teil der großen Turnerfamilie war, der weiß, was ich meine.

Das Turnen hat im Gegensatz zum Sport NICHT den Leistungs-, Konkurrenz- und Rekordgedanken als Schwerpunkt.

Sport hatte im Gegensatz zum Turnwesen keiner politischen Erziehung zu dienen, sondern war eine reine Freizeitgestaltung.

Und das war auch der wesentliche Unterschied zwischen Turnen und Sport.

Genau für diese Lebenseinstellung wurde damals vor 100 oder 125 Jahren in vielen Turnstunden, Vereinen und Verbänden der Grundstein gelegt.

Heute spielt die politische Erziehung glücklicherweise keine Rolle mehr, dafür ist der Sportgedanke, sprich die reine Freizeitgestaltung mit aufgenommen worden, um allen Menschen die Möglichkeit zu geben, Turnen in seiner Vielfalt und in der Turnergemeinschaft zu erleben.

Doch wie ist diese Zeile heute zu verstehen?

Turner, auf zum Streite….

Heute ist der Unterschied zwischen Turnen und Sport fast kaum mehr spürbar.

Das Gerätturnen, Gymnastik, Tanz und Leichtathletik sind Sportarten, die sich aus der Turnbewegung entwickelt haben, teilweise sogar olympische Disziplinen. Hier steht der sportliche Gedanke im Vordergrund, nicht der turnerische inklusive Leistungs-, Konkurrenz- und Rekordgedanken.

Doch irgendwie ist selbst bei Olympia oder Weltmeisterschaften zu spüren, dass die Turner irgendwie anders sind. Sie unterscheiden sich.

Sie sind kämpferisch fair und die Gemeinschaft und der Zusammenhalt ist frei von Aggressivität, Neid oder Missgunst. Auch Zuschauer und Fans strahlen einen besonderen Geist aus.

Ich habe heute noch die Worte eines Polizisten im Ohr, der während der Abschlussveranstaltung beim Deutschen Turnfest 1994 in Hamburg für Ordnung und Ruhe sorgen sollte und ich zufällig in der Menschenmenge direkt neben ihm stand.

Dieser Polizist (wahrscheinlich geprägt von HSV und St. Pauli Fußballfans) sagte zu seinem Kollegen: ich bin fassungslos…. 60.000 Leute auf dem Weg ins Stadion und wir brauchen nichts zu machen… alle fröhlich und friedlich….das habe ich noch nie erlebt!

In dem Moment habe ich gedacht (und eine Turnerin neben mir gesagt):

Warum sollte das denn auch anders sein, so sind wir Turner eben…. und darauf war ich in diesem Moment richtig stolz!

Jetzt, 25 Jahre später und in Vorbereitung dieser Rede stelle ich mir die Frage: Warum ist das so, warum gibt es diesen Unterschied?

…und wird es in der Zukunft noch einen Unterschied geben?

Beruflich bedingt, habe ich dann den ingenieursmäßigen Ansatz gewählt und versucht herauszufinden, was die Ursache ist um diesen Zustand und seine Wirkung zu verstehen bzw. vielleicht sogar eine Lösung für die Zukunftsausrichtung zu finden.

Eine Ursache ist uns sprichwörtlich schon in die Wiege gelegt worden bzw. ganz kurz danach.

Die Grundlage für unsere Leidenschaft, uns zu bewegen und Sport zu betreiben, wird im Kinderturnen geschaffen.

Anders als bei allen anderen Sportarten steht hier nicht der Wettkampf und Leistungsgedanke im Vordergrund, sondern die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und der faire Umgang miteinander. Diese Fähigkeiten werden gefördert und manche entwickeln ganz besondere Talente.

Manche werden Leistungsturner, manche werden Fussballer, manche werden Mountainbiker und manche werden Übungsleiter, Trainer oder Vereinsvorsitzende…. Und manche werden Eltern, die mit ihren Kindern ins Kinderturnen gehen. Doch alle haben ihre Anfänge im Kinderturnen gehabt, wo sie den Spaß und das Handwerkszeug, die Grundlage für alle Sportarten gelernt haben und später weitergeben.

Das wäre eine Antwort auf die Frage „warum ist Turnen anders“.

Doch das ist ja bei weitem nicht ausreichend. Wir, und damit meine ich ganz besonders uns Übungsleiter, Vorstände und alle ehrenamtlich tätigen – wir müssen uns auch fragen, „was müssen wir tun, damit das auch weiterhin so bleibt?“

Wenn ich so auf meine turnerische Laufbahn zurückschaue, spüre ich, dass sich das Verständnis des Turnens in den letzten 25 Jahren geändert hat.

Und diese Veränderung bzw. Entwicklung ist noch nicht zu Ende, im Gegenteil, ich habe das Gefühl, es geht erst noch richtig los.

In meiner Jugend ging es im Turnverein und in den Übungsstunden immer um das Turnen und was wir in der Turnstunde, auf Turnfesten oder Vereinsveranstaltungen tun konnten, das Turnen – unser Turnen – in den Vordergrund zu stellen.

Es wurde schon komisch geguckt, wenn man nicht 100% bei der Sache war oder mal keine Lust auf Training hatte. Es gab keine halben Sachen. Entweder du gehst in die Turnstunde oder du lässt es gleich ganz!

(das habe ich noch von meinen Eltern und von meinem Übungsleiter in den Ohren).

Keine Ausreden!

Das Turnen war wichtig, persönliche Befindlichkeiten mussten dann eben mal im Hintergrund bleiben.

Und heute….. heute hat sich diese Haltung verändert. Zwar nicht abrupt, sondern eben so wie sich die Zeit und die Vielfalt der Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung und Freizeitgestaltung geändert haben.

Jetzt geht die Einstellung eher in die Richtung: „was kann denn der Sport bzw. das Turnen für mich tun?“

Wie passen sich die Übungsstunde und das Vereinsangebot meinen Bedürfnissen an, ohne dass ich mich anpassen muss.

Wo es noch vor ein paar Jahren um die Sache ging, geht es jetzt um den Menschen, um jeden einzelnen.

In dieser Situation sind wir alle mittendrin…. Vereine, Turngaue, Verbände von regionaler über Landes- bis hin zur Bundesebene.

Das Selbstverständnis eines Vereins hat sich verändert und verlangt von seinen Mitgliedern und ganz besonders von den Vorstandsmitgliedern auch Veränderung und Visionen, um auch für die Zukunft zu bestehen.

Die Aufgaben haben sich ja im Grunde seit 125 Jahren nicht verändert, aber das Leben und soziale Umfeld hat sich verändert.

Vielleicht war vor 25 Jahren, an unserem 100 jährigen Geburtstag, die Zeit noch nicht reif, aber jetzt nach 125 Jahren ist es Zeit!

„Turner, auf zum Streite“

Lasst uns für die Zukunft streiten, denn jetzt ist die Zeit, eine Vision zu entwickeln!

… und zwar eine Vision, die unserer Sache dient, ohne zwischen Turnen und Sport zu unterscheiden.

Hier kann ich sagen, dass wir im Turngau Wetterau-Vogelsberg und im Sportkreis Wetterau schon seit Jahren eng miteinander verbunden sind.

Bei uns muss es eigentlich heißen, „Turner und Sportler, auf zum (gemeinsamen) Streite“. …. Zum Streite für unsere Lebenseinstellung und unsere Vision.

Denn nur so können wir den Erwartungen unserer Vereine und euren Anforderungen gerecht werden.

Doch zurück zur Vision:

Vision, darunter verstehen wir „Zukunftsvorstellung“.

Die Auswirkung der Globalisierung und des Internets machen einen Wandel in der Vereinswelt und Vereinskultur zwingend notwendig.

Wie kann man diese notwendige Veränderung herbei führen, wie kann man den Verein und seine Mitglieder und letztlich auch sich selbst entwickeln und den neuen Erfordernissen gerecht werden?

Vielleicht fängt eine Vision mit dem Blick über den Tellerrand an - was machen andere anders und wie wäre das bei uns machbar.

Daraus entsteht eine Vision, eine Idee, die vielleicht auch einfach nur daher kommt, dass erkannt wird, was wir NICHT wollen.

Und das, was wir wollen, resultiert in neuer Motivation, in der Lust, Neues auszuprobieren und auch neugierig zu sein und sich ein Ziel zu setzen.

„Turner auf zum Streite!“

Wichtig ist, das es nicht bei einer Vision oder einer Idee bleibt.

Der ehemalige Bundespräsiden Roman Herzog sagte 1997:

„Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.“

„Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“

Das ist die Aufforderung an alle (auch an mich und uns, die wir hier sitzen), sich auf die veränderten Lebensumstände nicht nur einzustellen, sondern aktiv zu beteiligen.

Eine Idee bzw. Vision ist nur dann gut, wenn sie viele begeistert und viele mitmachen.

Denn die Begeisterung für eine Vision liegt nicht allein im Inhalt, sondern der Art wie sie entsteht. In einem Verein sollten alle beteiligt sein.

Eine Veränderung kann auch nicht von heute auf morgen passieren. Alles braucht seine Zeit, es passieren Rückschläge und es tun sich auf dem Weg Sackgassen auf, man muss umkehren und neue Wege wählen.

Ein ganz wichtiger Baustein für die Umsetzung der Vision und somit das Erreichen des Ziels ist, das optimale Team haben.

Aber… das ist einer der schwierigsten Aufgaben überhaupt.

Was wird denn in Zukunft vom Sport und vom Turnen erwartet? Gute Frage….

Wenn ich überlege, dann muss ich eigentlich wieder auf das zurück kommen, was ich zu Beginn zu der Begrifflichkeit „Turnen“ gesagt habe.

Turnen ist eine Lebenseinstellung!

125 Jahre alt und doch modern und fit für die Zukunft.

„Turner, auf zum Streite“ könnte heute heißen:

Lasst uns für unsere Leidenschaft kämpfen und lasst uns sie zukunftsfähig machen!

Das ist eine riesige Herausforderung, aber wer, wenn nicht wir kann das schaffen?

Denn wir haben alles was wir brauchen und wen wir brauchen.

Motivierte Menschen!

Wir haben Junge und Alte, neue und erfahrene, Heißblüter und Felsen in der Brandung, Optimisten und Bedenkenträger.

Alles eine Mischung, die notwendig ist, um gemeinsam Veränderungen zum Erfolg zu bringen.

All diese Eigenschaften und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache bergen riesiges Potenzial, gemeinsam im Verein die Visionen umzusetzen und damit die Zukunftsfähigkeit zu sichern.

Denn die Zeit bleibt nicht stehen und 125 Jahre sind nicht das Ende!

Das Ende des Turnens ist nicht abzusehen und das ist auch gut so.

Denn „großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“

Packen wir’s an und sehen das als Vorbereitung für die nächsten 25 Jahre, wenn wir dann 2044 unseren 150. Geburtstag feiern.

Als Zusammenfassung und Anspielung auf den kleinen Imbiss im Anschluss an den offiziellen Teil möchte ich heute wieder den Vergleich bringen, den ich vor 5 Jahren auf unserem Neujahrsempfang gesagt habe und der es sogar zur Überschrift in die Zeitungen geschafft hat:

Turnen ist wie Schokolade.

- beides ist immer wieder eine Herausforderung

- Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, kommt man schwer davon weg.

- In Maßen genossen, trägt es zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens bei

- Wenn man eines übertreibt, hilft das andere, wieder ins seelische und körperliche Gleichgewicht zu kommen

 

In diesem Sinne wünsche ich euch immer genügend Schokolade und natürlich viel turnerische Aktivitäten, um Körper und Geist in Balance zu halten.

Wir, der Vorstand des Turngau machen uns auch schon mal fit für die nächsten Feiern und Veranstaltungen, dem Fortbildungstag für Übungsleiter am 24. August und der Turngala am 19. Oktober.

Die Vorbereitungen sind bereits im Gange und wir wünschen uns von euch, dass ihr mit uns feiert.

Ihr seid jetzt schon alle herzlich eingeladen.